EINDEUTIG UNEINDEUTIG

Buddhisten sagen, es braucht viel gutes Karma, um als Mensch wiedergeboren zu werden. Ich frage mich oft, ob es in meinem Fall speziell schlechtes-gutes Karma war oder etwa Extrem Gutes. Wenn man auf mein Leben zurückblickt, würden Außenstehende mit Bestimmtheit von „speziell-Schlechten“ sprechen. Langsam drängt sich mir aber eher das Gegenteil auf. Gleich vom ersten Atemzug an, schien mein Leben ein Desaster zu werden. Bei meiner Geburt haben die Ärzte nicht recht gewusst, was sie in die Geburtsurkunde schreiben sollen. Die Genitalien sahen eindeutig uneindeutig aus. Angeblich ein zu kleiner Penis, obwohl ich aus Operationsberichten weiß, dass das, was mir da mit sechs Jahren weggeschnitten wurde, 3 Zentimeter lang war. Dieser „Penis“ ragte auffällig aus den Schamlippen hervor, deren Haut am unteren Ende sehr an Hoden erinnerte. Wie man später herausfand, hatten sich meine Hoden scheinbar in die Leisten verkrochen. Ich frage mich oft, wie es für meine Eltern war, diese schier unaufhörlichen Fragen von Allen, und jenes „Was ist es denn?“ zu beantworten. Und ob sie dieses überhaupt getan hatten. Ich weiß es nicht. Mit den Eltern über meine Vergangenheit zu sprechen, tut weh. Sicher nicht nur mir. Und weil ich nie gelernt habe, mit ihnen darüber zu sprechen, scheint es heute zu spät. Schon als Kind wusste ich, wenn ich Fragen stelle, werden sie ganz nervös und unbequem. Die ewigen Krankenhausbesuche waren mir ein Rätsel. Als ich dann mit sieben oder acht Jahren einen Mutter-Kind-Pass fand mit meinem Geburtstag und dem Namen „Jürgen“ als Vorname, war ich der Überzeugung, es müsse sich um meinen Zwillingsbruder handeln. In meinem Kopf stellte ich für mich folgende Gleichung auf: Krankenhaus + verschwiegene, panische Eltern + dieser Mutter-Kind Pass = Ich bin unheilbar krank und mein Bruder ist schon tot. Kein Wunder, dass einem keiner was sagt. Ich würde es selber nicht wissen wollen! Meine Großeltern waren sehr gläubige Leute. Seit ich denken kann, mussten wir sonntags mit ihnen gemeinsam in die Kirche gehen. Oma hat mir alle Gebete beigebracht, die es ihrer Meinung nach als Kind zu wissen gibt. Ich hatte also das beste Werkzeug, am Leben zu bleiben. Jeden Abend, wenn ich im Bett lag, betete ich quasi um mein Leben: »Jesukindi bleib bei mir, mach ein frommes Kind aus mir, mein Herz ist rein, darf niemand hinein, nur du mein liebes Jesulein!« So rein ist es nicht geblieben, die nächsten Jahre. Ich war seit dem zweiten Lebensjahr als Mädchen eingetragen. Alexandra. Und ich habe mir nie großartig Gedanken darüber gemacht. Ja, ich wusste, dass mir da mal was „falsch angewachsen“ sei, wie es meine Mutter einst erklärt hatte. Nichts anderes als der sechste Finger meiner Großcousine. Aber irgendwann haben sie mich zur Seite genommen. Als ich beim Raufen hinten am Spielplatz in der Mittagspause in den Pool gefallen war und patschnass nach Hause geschickt wurde. Ich soll doch endlich aufhören, mit den Buben in der Klasse wilde spiele zu spielen – hat es geheißen. Warum ich mich denn nicht mit den Mädchen abgeben will – haben sie gefragt. „Die sind sooo fad“ habe ich geantwortet. Und da ich für eine Weile planlos, und ohne gegen das Verbot zu verstoßen zu wollen ziemlich einsam war, fing ich an, in der Leichenhalle nebenan tote Menschen zu betrachten, sofern es welche zu betrachten gab. Aber das Licht am Eingang war nur an, wenn da auch einer drinnen lag. Es hat mich fasziniert, dass plötzlich alles aus ist, und man dann daliegt und wie eine Puppe aus Wachs aussieht. Ich habe diese Menschen nie gekannt, aber als eines Tages die Oma des Nachbarjungen in der Truhe lag, ging ich nie wieder in dieses Gebäude und versuchte Freundschaft zu schließen mit den Mädchen. Ich glaube, es war der Tag, an dem ich beschlossen habe, keinen Ärger mehr zu machen und ein braves Mädchen zu sein. Weil: Die Hölle ist kein Ponyhof, und wenn ich nicht brav bin, kommt entweder der Krampus,1 man bekommt nix zu Weihnachten oder man fährt in die Hölle. Wie ein Hund, der zu wild ist, wurde ich mit zehn Jahren kastriert. „So einen Schleim“ hätte ich da drinnen. „Und der muss raus“. Als ich in der Schule der Lehrerin vor dieser Torso-Puppe erklärt habe, dass „dieses“ Zeug da `raus operiert werden soll, mit dem Finger auf Dünn- und Dickdarm zeigend, haben mich alle ausgelacht. Ohne dem könnte ich gar nicht weiterleben, hat die Lehrerin erklärt. Ich habe diese Operation gut überstanden und als Belohnung einen roten Walkman bekommen und eine Kassette von Michael Jackson’s „Thriller“. Irgendwie habe ich mich immer mit ihm identifizieren können. Auch wenn ich früher noch nicht wusste, dass es sich bei beiden von uns um kosmetische Schönheitsoperationen gehandelt hat, die unser Leben geprägt haben. Bei mir wohl eher negativ.
Er war so androgyn. Das hat mir immer gefallen. Die Verwandtschaft hat auch immer geglaubt, ich wäre mein drei Jahre älterer Bruder, wenn sie einmal im Jahr zu Besuch kamen. »Markus ist aber schon wieder groß geworden«, musste ich mir anhören. Als ich in die Hauptschule wechselte, musste ich mit einem Postbus in den nächsten Ort fahren, so groß war unser Dorf nicht für eine eigene. Bei der Busfahrt haben mich andere, ältere Kinder oft seltsam angesprochen. »Stimmt‘s, du warst einmal ein Junge?« haben sie gefragt. Oder »Zwitter« gerufen. Ich hab‘ mich überhaupt nicht ausgekannt bis zum Tag der Tage. Aufklärungsunterricht in der Schule! Büchlein, Binden und Kondome wurden herumgereicht, und jedes bekam seine eigene, kleine Box. Da hab‘ ich zuhause gleich den Spiegel im Schlafzimmer meiner Eltern genutzt. Ausziehen, Beine spreizen, Buch daneben und los. Aber da haben sie wohl einen Druckfehler gemacht bei meinem Buch. Da passte so einiges nicht zusammen. Ich wollte dann noch mit einem Tampon üben für den Ernstfall, doch da ging nichts. Zu Beginn dachte ich noch, das Jungfernhäutchen sei so dick, aber als dann Blut kam und trotzdem nichts weiterging, wurde ich panisch. Ich habe drei Tage gebraucht, um mit jemandem darüber reden zu können, und ging zu meiner Mutter. Lapidar erklärte sie und stammelte herum. Sichtlich unangenehm war ihr diese Situation. Und mir erst. Doch ich spürte, dass ich die Wahrheit nicht heute und nicht von ihr erfahren würde. Ich drängte, mit einem Arzt sprechen zu können, und dieser Wunsch wurde mir, ich glaube dankend, gewährt. So bestand kein Grund für weitere Gespräche seitens der Eltern. Den Doktor sehe ich noch genau vor mir. »Haben sie Alexandra bereits alles erzählt?« fragte er. Und Mama hätte nicht »Ja« sagen sollen. »Ja, damals, als wir dir die Hoden entfernt haben« war ein Satz, der mir bis heute in den Knochen steckt. Nach diesem Satz hat sich in mir alles zugemacht. Weitere Sätze verblassten bis heute aus meiner Erinnerung. Hoden! Hoden! Hoden gehören zu einem Buben, klang es in meinem Hirn. Mama sagte, sie hätten es nicht gleich erkannt bei meiner Geburt, aber ich hätte mehr von Mädchen gehabt und darum diese Entscheidung. Aber Hoden? Ich glaube, es war der Tag an dem ich abgeschlossen habe. Abgeschlossen mit „vertrauen“, abgeschlossen mit Selbstvertrauen. Plötzlich wusste ich nicht mehr, wer ich war. Oder was. Oder überhaupt. Der Boden unter meinen Füßen ist mir weggezogen worden, und ich fiel in tiefes Schwarz. Die erste Schockwelle versuchte ich damit zu verarbeiten, dass ich mich nur noch mehr als Mädchen hergerichtet habe. Sogar die Schulterpolster der Mutter hatte ich mir in die Bluse gestopft, um endlich mit meinen Klassenkameradinnen mithalten zu können. Ich konnte es nicht erwarten, endlich weibliche Hormone verabreicht zu bekommen. Niemand durfte je erfahren, dass ich ein Monster war. Ein Monster mitten im Klassenzimmer. Zum Ende der Pflichtschule war ich auch nicht zu bremsen, mir sofort eine künstliche Vagina anlegen zu lassen. Mit Jungen hatte ich schon geknutscht, aber alle wollten ständig mehr und in die Hose. Ohne Möse wird das nie was, habe ich gedacht. Ich muss so schnell es geht „normal“ werden, war der Plan und Michael Jackson hat es vorgemacht. Ab in die Klinik war das Motto, und Mama hat ganz schön geschluckt, als ich dies einforderte. Danach ging‘s ran an den Speck. Ich glaube, ich wollte meine Weiblichkeit beweisen oder so etwas. Ich vögelte mich quasi quer durchs Dorf und dann noch weiter. Dazu Alkohol in rauen Mengen. Alles war vergebens. Mein Ruf war bald ruiniert, je weiblicher ich aussah, umso fremder fühlte ich mich, und nach einer Vergewaltigung hatte ich jahrelang Angst und begann meine mittlerweile sehr weiblichen Züge, mit Körbchengröße D, zu hassen. Der Alkohol wurde bald durch Drogen ersetzt. Bei einem Open Air wollte ich was zu rauchen ausprobieren. Und dieser Typ verkaufte mir was, das angeblich so gut ist, dass man es auf der Folie rauchen muss statt es in einen Joint zu drehen. Das war natürlich kein Gras oder Haschisch. Es war Heroin. Natürlich hab ich das sehr bald herausgefunden. Aber dieses Gefühl war unglaublich. Diese Droge konnte mit einem Schlag so viele meiner Bedürfnisse befriedigen. Ich fühlte diese wohlige Wärme. Ein Gefühl der Geborgenheit und vor allem, ich hörte auf, über mich selbst nachzudenken. Wahrscheinlicher aber ist jedoch, retrospektiv betrachtet, dass es die Droge war, die im Laufe der nächsten Monate immer wichtiger wurde während ich immer mehr in den Hintergrund rutschte. Es dauerte nicht lange, und ich war in der Drogenhierachie nach oben gerutscht. Unterwegs mit dem bekanntesten Dealer und seiner Freundin fuhren wir nach Prag, um einen Arsch voll Zeug nach Hier zu schmuggeln. Da fing es dann auch mit der Nadel an. Auch wenn ich oft gehänselt und gewarnt wurde, dass ich heikel sei, dies hat mir wohl das Leben gerettet. Für eine Weile jedenfalls. Wer Junkies kennt, weiß, dass diese nicht gerade zur gepflegtesten Spezies an Süchtigen gehören. Mir war das alles gleich: zu dreckig, zu grauslig, nur „wäh“! Als ich dann noch ein älteres Ehepaar beim Trampen beklauen wollte, hatte ich, „Göttin sei Dank“, einen lichten Augenblick. Mir wurde bewusst, was aus mir geworden war, und ich beschloss mich von diesen falschen Freunden abzuwenden und clean zu werden. Und weil ich 18 war, aber noch bei den Eltern wohnte, musste ich dafür weg. Zwei Wochen Türkei/Antalya, All Inklusive waren der Ausweg. Drogen verkaufen und gegen ein Flugticket eintauschen. Wie auch immer ich das geschafft hatte, aber die Lehrabschlussprüfung zum Einzelhandelskaufmenschen hatte ich noch auf die Reihe gekriegt und war somit bis zum Beginn der Pflegehelferausbildung im November auf „gemähter Wiese“ unterwegs. Also ab nach Antalya zum kalten Entzug. Die erste Woche war ich oft genug glücklich, all inklusive gebucht zu haben. Die Trinkerei hätte mich einiges gekostet. In der zweiten Woche gingen auch Bauchkrämpfe, Durchfall, und Krämpfe weg und so habe ich die letzten Tage noch unter der Hand mit einem Animateur verbracht.
Die haben das ziemlich gut hingebracht, dachte ich mir damals noch. Es hat sich noch nie jemand beschwert oder auch nur irgendetwas gesagt, wenn ich mit einem Mann zusammen war. Dass ich absolut keine Klitoris habe, wurde mir erst bewusst, als ich anfing auch mit Frauen zu verkehren. Zurück zuhause, war ich wieder in einem Zustand, der den Eltern vorzeigbar war. Braun gebrannt noch dazu. Später im Jahr hatte ich nochmal einen kleinen Rückfall, als ich schon den Pflegehelferlehrgang besucht habe. Zur Buße für mein Fehlverhalten ließ ich mich gemeinsam mit meiner Schulkollegin Inge, in die ich noch dazu tierisch verschossen war, in einer Knochenmarkspenderdatei eintragen. Ich führte eine on/off Beziehung mit einem Türsteher, genoss aber mehr das Ansehen anderer Mädchen, weil ich ihn hatte, und nicht sie. Aber in Wahrheit ist er eher ein Kumpel gewesen, mit dem man halt Sex hatte, wie es ihm gepasst hat. Wirklich gespürt habe ich bei diesem Rein-Raus nie wirklich etwas. Ich nannte es immer, und jetzt Ohren zuhalten, „Scheissen“ im vorwärts/rückwärts Endlosschlaufenmodus. Mit manchen war es eben lustig. Mit anderen eher nicht! Richtig angenehm wurde es, als ich das erste Mal von einer Frau abgeschleppt wurde. So wie mit meinem damaligen Freund, hatte auch ich meine Techtelmechtel außerhalb der Beziehung. Dass es einmal um eine weibliche Person ging, die wir beide wollten, aber ich am selben Abend knutschend mit ihr an der Bar desselben Lokals, wo er Tür stand, gesichtet wurde, haben wir uns ein halbes Jahr nicht mehr gesehen. »Das ist ja ekelhaft« hat er gesagt. Er war einer, der sich am Abend auszog, seine Wäsche zusammenlegte und verstaute um anschließend die Kleider für den nächsten Tag heraus zu legen. Einer, der nach dem Sex aufsprang und sich wusch. Einer, wo man einen Untersetzer nehmen musste in seiner Wohnung, und für den Homosexualität abartig war. Sogar Lesben. Die Folgen meiner Vaginalplastik – Inkontinenz – wurden von ihm als pure Geilheit gedeutet. Anscheinend hat er noch nie Pipi gekostet. Aber es war anstrengend, die dicken Einlagen und die „Prothese“ zu verstecken, die nur dazu da war, diese Neovagina weit zu halten. Ich benutzte sie nurmehr, wenn ich wusste, ich brauch sie heute. Die Mumu, nicht die Prothese. Tja. Ovestin Creme schmeckt anscheinend auch nach Nichts. Diese Frau aber, in der Schule, hatte es mir angetan. Meine Freunde, die nie viele waren, haben mich oft aufgezogen, weil ich einmal meinte »Als sie bei der Türe reinkam, am allerersten Schultag für angehende Pflegehelfer*innen, ging die Sonne über ihrem Kopf auf.« Ich kam mir oft vor wie ein Heuchler, der die Nähe der anderen Frauen genossen hat. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass es für mich eine Zukunft gibt. Mit den Schulkolleginnen verstand ich mich blendend, ich hatte bald eine Ausbildung in der Tasche, in einem Beruf, der mir wirklich Spaß machte und mit dem ich das Gefühl bekam, wertvoll für Andere sein zu können. Und das auch noch gut bezahlt. Ich wollte nach Wien ziehen und dort dann Arbeiten. Soweit sollte es nie kommen.
Im Juli 1996, vier Monate vor Abschluss fing ich an, mich immer seltsamer zu fühlen. Als erstes fiel mir auf, dass ich mein Leibgericht, Schnitzel, nicht mehr aufessen konnte. Morgens war mir oft übel, und ich wurde im Praktikum gerne gehänselt, ob ich denn schwanger sei. Nach einem Motorradtreffen, bei dem ich noch ordentlich die Sau raus gelassen habe, bin ich völlig zusammengebrochen. Bald stand fest, dass ich an einer akuten Leukämie leide, und ich bekam meine erste Chemotherapie im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Linz. Ein Freund hatte mir Marihuana empfohlen, und geraucht hab‘ ich immer schon gerne was. Tatsächlich stand versteckt in meinem Einzelzimmer eine Bong (Wasserpfeife) am Klo. Und irgendwie hab‘ ich mich gewundert, dass die Chemo bei mir so gut verläuft. Ich hatte sogar Angst, sie würde nicht anschlagen. Aber alles verlief wie geplant. Meinen 20. Geburtstag verbrachte ich noch im Krankenhaus. Dann wurde ich mit Erhaltungstherapie entlassen. Ständige Kontrollen mit abgeflachter Chemotherapie und dazwischen auf Technopartys mit dem Magen voll Tabletten, Drogen oder beidem. Ich genoss mein neues Leben in vollen Zügen, verfiel in alte Muster und hatte rein gar nichts gelernt. Die Rechnung wurde mir schon Mitte Dezember präsentiert. Rückfall! Am 1. Januar 1997 wurde ich ins St. Anna Kinderspital eingeliefert. Angeblich war es eine kindliche Form der Leukämie, und dort wäre mir am besten geholfen, haben sie gemeint. Dort gab es kein Klo mit Bong und auch keine Freunde mehr. Oder nicht mehr viele. Mein eigener Freund Thomas war zwar fleißig nach Linz gekommen, aber nach zwei Besuchen in Wien, kam er dann nie mehr. Schon bald ging es bergab mit mir. Wirklich bergab! Nach Wasser in der Lunge kam die künstliche Beatmung und danach das Koma und danach ein Multiorganversagen. 13 Wochen hatte ich geschlafen. In einem traumähnlichen Zustand, der nur mit einem Wort zu beschreiben ist: Hölle. Jeden Tag ums Überleben kämpfen, ständig wird einem nach dem Leben getrachtet, Finger abgeschnitten,2 es war Hardcore! Als ich wieder zu mir kam, war ich bewegungsunfähig. Die erste Zeit haben sie nicht einmal mitbekommen, dass ich wieder „da“ war. Mir tat alles weh, ich konnte nicht reden, nicht blinzeln und überhaupt. Ich war wie gelähmt. Da gab es viel Zeit zum Nachdenken. Warum passiert das alles? Und in dieser Formel gab es eine Lösung. Wenn eines seinen Körper so sehr hasste, wie ich es tat, ihn mit Drogen vollstopft, mit Messern schneidet, Zigaretten auf ihm ausdämpft, dann wird dieser Körper irgendwann mal sagen: Leck mich am Arsch! Wenn du mich nicht willst! Aber ich hatte überlebt. Mein Bruder hat mir Stammzellen gespendet, und obwohl ich diese abgestoßen habe, wie jede Hilfe von außen, reichten diese, um meine eigene Produktion wieder in Gang zu setzen. Nach jährlichen Reha-Maßnahmen im Schwarzwald probierte ich aus, mein wahres ICH zu enthüllen. Dort, weit weg von Zuhause, hatte ich Raum zum Probieren. Bei der zweiten Reha erzählte ich es den Therapeuten und Betreuern und bei der dritten und letzten auch den anderen Patienten. Es war eine Wohltat, und ich wurde niemals ausgelacht. Im Gegenteil. Laut Bericht war ich eine Person, die gerne von Anderen für Ratschläge und Gespräche aufgesucht wurde. Ich kam im Rollstuhl mit der Mama im August 1997 das erste Mal zur Reha. Beim dritten Mal im September 1999 kam ich ohne Rollstuhl aus dem Schwarzwald zurück. Als ich wieder zu Hause war, den Führerschein gemacht, ein Auto und meine Mobilität zurück hatte, hielt ich mich fern von alten Freunden. Ich war wieder verliebt in eine Frau, die alles von mir wusste, und ich erzählte bald darauf im Radio meine Geschichte. Wenig später begann ich mit Elisabeth Scharang die Dreharbeiten an Tintenf ischalarm. Obwohl wir keinerlei Zusagen hatten, stürzten wir uns in dieses Filmprojekt. Es begleitete mich über 3 Jahre auf meiner Suche nach mir selbst. Natürlich ist es mit der Frau nichts geworden. Eigentlich habe ich das Gefühl, dass sich niemand mehr für mich interessiert, seit ich out bin. Sobald ich jemandem erzähle von mir, kommt die Nummer mit den Freundschaften. Die Dreharbeiten haben mich einiges gekostet. Gespräche mit den Eltern. Gespräche mit den Ärzten, Dokumente und Krankenakten durchwälzen, nebenbei eine Selbsthilfegruppe gründen und zum ersten Mal im Leben auf andere Intergeschlechtliche Menschen zu treffen. Es waren erlösende wie tief traurige Momente zugleich. Die Achterbahn meines Lebens. Wenn oft die schwarze Wolke um Weihnachten herum vorbeischaut und für einige Monate darüber zu schweben scheint, denke ich mir oft: Ich sitze seit Jahren in derselben, Gott verdammten Achterbahn. Endlosschleife. Wenn die Tage wieder länger werden, geht sie dann auch wieder. Manchmal. Februar 2006 war es dann soweit: Tintenfischalarmpremiere auf der Berlinale in Berlin. Mit dabei einige Herms, die ich bis dahin kennen und lieben gelernt habe, alle Leute aus dem Filmteam und mitten drinnen dann ich. Ich kam mir vor wie ein Star. Zurück in Österreich folgte eine Filmvorführung mit Publikumsgespräch nach der anderen und im groß Reden war ich gut und routiniert geworden. Ein selbstbewusster Zwittermann stand da auf der Bühne. Während der Dreharbeiten habe ich nicht nur meine Einstellung gewechselt. Auch den Personenstand von weiblich auf männlich. Und ich nahm seither Testosteron. Das Zeug, dass meine Hoden eigentlich produziert hätten, hätten sie mir diese nicht mit 10 Jahren herausgeschnitten. Und das tat unglaublich gut. Es fühlte sich an wie ein Jungbrunnen, und auch mein Sexualtrieb zeigte sich zum ersten Mal in meinem Leben. Da, wo mein Penis mal gewesen ist, wuchs mit Testosteron eine fast unmerkliche Beule, die Orgasmen machen kann. Ob diese so sind wie sie wären mit allem dran, Ihr wisst, werde ich nie erfahren. Weibliche Hormone hatten eine völlig andere Wirkung auf mich damals. Das Verlangen galt mehr der Geborgenheit und Liebe. Nicht dem puren Sex. Ich wollte Sicherheit. Jemanden zum Anlehnen, dem man vertrauen konnte. Und die dem weiblichen Zyklus nachempfundene Hormondosen gaben mir das Gefühl, ferngesteuert zu agieren. Blaue Pillen machten eher aggressiv, rote eher weinerlich, gelbe liebesbedürftig usw. Plötzlich verstand ich alle, die mir damals auf den Busen gestarrt haben. Beim Baden mit freizügigen Freunden musste ich anfangs selbst auf den Boden schauen. Endlich ICH sein zu dürfen, fühlte sich wunderbar an. Und ich lernte meine erste, richtige Freundin kennen. Das Glück schien perfekt, wir sind zusammengezogen. Doch das war wohl das Ende vom Anfang. Bald fing es an zu kriseln, Sätze wie »Ich fühle mich im Bett mit dir wie eine Lesbe« oder »Wir können nie gemeinsame Kinder haben«, brannten auf meiner Seele. Nach drei Jahren Beziehung hatte sie ihr Ende erreicht. Ich schlief schon lange nicht mehr im gemeinsamen Bett, ich durfte sie nicht berühren und dann auch mich nicht mehr. Am Ende habe ich alle meine Sachen verkauft und bin sechs Monate nach Indien abgehauen. Alleine. Das tat so gut, dass ich mir bei der Heimkehr eine Wohnung genommen, ein Moped gekauft habe und im Winter gleich nochmal vier Monate nach Indien verschwunden bin. In meiner letzten Arbeitsstelle als Nachtportier im Studentenheim wurde ich derartig gemobbt, dass mir die Kombination dazu mit meiner Krebserkrankung den geraden Weg in die Berufsunfähigkeitsrente geebnet hat. Bald gab es eine Newsgroup über mich. Das „Portiertier“. Was ich denn sei, und jeder wusste es besser. Das war einfach zuviel für mich. In dieser Welt, wo es nur Männer und Frauen geben darf, wollte ich nicht mehr arbeiten müssen. Besser die Zeit nutzen für etwas, wofür noch so gut wie keiner bezahlt wird: Inter*Aktivismus. Für all das hatte ich nun Zeit. Gut, meine Nieren arbeiten nicht mehr richtig, Leberschaden, Neuropathie, Peroneuslähmung und Nervenschmerzen sind einige der Spätfolgen der Chemotherapie, aber hey, ich war am Leben. Das spürt man, so glaube ich, nirgends so stark wie in Indien. Nachdem ich mich in meiner Ex-Freundin verloren habe, hatte ich mich in Indien wiedergefunden. Aber auf die eine, wahre Liebe warte ich noch heute. Mein Leben hat mich an viele Plätze gebracht, mich viele Menschen kennen lernen lassen. Die heilsamsten Erfahrungen in den letzten 40 Jahren waren – eindeutig auf Platz 1 – andere Zwischengeschlechtliche Menschen kennen zu lernen, Platz 2 – Leukämie. Mit Friede, Freude, Eierkuchen lernt man selten etwas dazu. Alles nur, weil ich gelernt habe, Ich zu sein. Mich nicht versteckt habe und aufgestanden bin, für unsere Rechte und dafür, dass künftige Kinder nicht mehr operiert und behandelt werden dürfen. Ich bin eine Variation der Natur. Wenn es einen Gott gibt, hatte er das so gewollt. Wer seid ihr, Menschen, der Natur derartig ins Handwerk zu pfuschen? Nur damit ihr geregelt bekommt, wer wen heiraten darf und Kinder bekommen oder adoptieren? Damit immer eine Seite mehr hat und die andere weniger und Frauen weniger bezahlt bekommen.
Dieses Kasterl-System möchte ich gerne auflösen. Weil es der Mensch ist, der zählt. agieren. Blaue Pillen machten eher aggressiv, rote eher weinerlich, gelbe liebesbedürftig usw. Plötzlich verstand ich alle, die mir damals auf den Busen gestarrt haben. Beim Baden mit freizügigen Freunden musste ich anfangs selbst auf den Boden schauen. Endlich ICH sein zu dürfen, fühlte sich wunderbar an. Und ich lernte meine erste, richtige Freundin kennen. Das Glück schien perfekt, wir sind zusammengezogen. Doch das war wohl das Ende vom Anfang. Bald fing es an zu kriseln, Sätze wie »Ich fühle mich im Bett mit dir wie eine Lesbe« oder »Wir können nie gemeinsame Kinder haben«, brannten auf meiner Seele. Nach drei Jahren Beziehung hatte sie ihr Ende erreicht. Ich schlief schon lange nicht mehr im gemeinsamen Bett, ich durfte sie nicht berühren und dann auch mich nicht mehr. Am Ende habe ich alle meine Sachen verkauft und bin sechs Monate nach Indien abgehauen. Alleine. Das tat so gut, dass ich mir bei der Heimkehr eine Wohnung genommen, ein Moped gekauft habe und im Winter gleich nochmal vier Monate nach Indien verschwunden bin. In meiner letzten Arbeitsstelle als Nachtportier im Studentenheim wurde ich derartig gemobbt, dass mir die Kombination dazu mit meiner Krebserkrankung den geraden Weg in die Berufsunfähigkeitsrente geebnet hat. Bald gab es eine Newsgroup über mich. Das „Portiertier“. Was ich denn sei, und jeder wusste es besser. Das war einfach zuviel für mich. In dieser Welt, wo es nur Männer und Frauen geben darf, wollte ich nicht mehr arbeiten müssen. Besser die Zeit nutzen für etwas, wofür noch so gut wie keiner bezahlt wird: Inter*Aktivismus. Für all das hatte ich nun Zeit. Gut, meine Nieren arbeiten nicht mehr richtig, Leberschaden, Neuropathie, Peroneuslähmung und Nervenschmerzen sind einige der Spätfolgen der Chemotherapie, aber hey, ich war am Leben. Das spürt man, so glaube ich, nirgends so stark wie in Indien. Nachdem ich mich in meiner Ex-Freundin verloren habe, hatte ich mich in Indien wiedergefunden. Aber auf die eine, wahre Liebe warte ich noch heute. Mein Leben hat mich an viele Plätze gebracht, mich viele Menschen kennen lernen lassen. Die heilsamsten Erfahrungen in den letzten 40 Jahren waren – eindeutig auf Platz 1 – andere Zwischengeschlechtliche Menschen kennen zu lernen, Platz 2 – Leukämie. Mit Friede, Freude, Eierkuchen lernt man selten etwas dazu. Alles nur, weil ich gelernt habe, Ich zu sein. Mich nicht versteckt habe und aufgestanden bin, für unsere Rechte und dafür, dass künftige Kinder nicht mehr operiert und behandelt werden dürfen. Ich bin eine Variation der Natur. Wenn es einen Gott gibt, hatte er das so gewollt. Wer seid ihr, Menschen, der Natur derartig ins Handwerk zu pfuschen? Nur damit ihr geregelt bekommt, wer wen heiraten darf und Kinder bekommen oder adoptieren? Damit immer eine Seite mehr hat und die andere weniger und Frauen weniger bezahlt bekommen. Dieses Kasterl-System möchte ich gerne auflösen. Weil es der Mensch ist, der zählt, nicht das, was er zwischen den Beinen hat, welche Hormone durch seinen Körper f ließen oder welche Chromosomen er hat oder auch nicht. Deshalb habe ich Anfang des Jahres eine Geburtsurkunde mit meinem „richtigen“ Geburtsgeschlecht beantragt. Alles andere wäre schlichtweg nur erlogen. Falschangaben in öffentlichen Dokumenten sind strafbar! Und – I´m a human after all.