Ich bin mitten, oder besser noch in die zweite, bessere Hälfte des Jahres 1976 hinein geboren worden. Genauer gesagt es war September. Der Tod von Agatha Christie war vielleicht gerade verdaut, da machte sich zwei Tage nach meiner Geburt Mau Tse Tung aus dem Staub und segnete das Zeitliche. Die USA erreichte mit ihrer Sonde „VIKING 1“ den Mars und führte die Todesstrafe wieder ein, Jack Nicholson und Regisseur Milos Forman räumten mit dem Film „Einer flog übers Kuckucksnest“ ordentlich ab und Bonney M, ABBA, Waterloo und Robinson stritten sich um die vorderen Plätze der Austrian Charts mit Schnulzen wie „Fernando“ und „Daddy Cool“. Ich war das zweite von mittlerweile drei Kindern. Mein Vater war 27 und meine MOM 26 und ich frage mich oft, wie ich in diesem Alter damit umgegangen wäre, wenn ich ein so außergewöhnliches Kind bekommen hätte, wie ich es war. Speziell, einzigartig, aber nicht für diese Welt zugelassen. Laut Typenschein. Man hatte wohl so seine Probleme meiner Mutter die Frage „Was ist es denn?“ zu beantworten. Man bestaunte mein kleines KIPFERL und befand mich für einen Jungen. Schlimm genug, wenn man mit einem viel zu kleinen KIPFERL geboren wird, schlimmer noch, wenn einem dieses dann auch noch abgeschnitten wird. Aber bis dahin sollten noch einige Jahre vergehen. Wie gesagt, mein Penis war viel zu klein und auch waren meine Hoden nicht da, wo sie normalerweise sein sollten, sondern hatten sich in meinen Leisten verkrochen, als wollten sie sich bereits da vor den Messern der Ärzte verstecken. Es waren schon einige Blut und Fleischopfer nötig, die im Europäischen Raum ihre Runden zogen. Von einer Medizinischen Institution zum nächsten um meinen speziellen Typenschein heraus zu finden. Das dauert.
Nach den Auswertungen der Resultate wurde beschlossen mich fortan als Mädchen auf zu ziehen weil ich ohnehin mit diesem kleinen Penis keinen Geschlechtsverkehr haben konnte und somit ein erfülltes Sexualleben schier unmöglich sei. Außerdem bestünde enorme Gefahr, sollte man die Hoden nicht entfernen, an Krebs zu erkranken und spätestens beim Bundesheer würde man mich auslachen da mir Brüste mit Haaren drauf wachsen würden. So lenkten meine Eltern ein und eine Reihe Operationen wurden geplant und im Laufe der nächsten Jahre durchgeführt. Mit 16 war ich dann also Alexandra. Penis und Hoden amputiert, vollgepumpt mit weiblichen Hormonen, ausgestattet mit einer von Ärzten konstruierten Vagina und mit Schuhgröße 45, Kleidergröße XXL. Alle waren glücklich, nur ich nicht.
10 Jahre und eine Leukämieerkrankung später beschloss ich mein Leben weiterhin als intersexueller Mann fort zu führen. Lies mir die hormongewachsenen Brüste amputieren und änderte meinen Geschlechtseintrag in den Papieren in MÄNNLICH. Seitdem kämpfe ich für das Recht auf einen unversehrten Körper und versuche auf meine Weise die Thematik Intersexualität an die Öffentlichkeit zu bringen. Mit dem Kinofilm TINTENFISCHALARM startete ich 2006 mein Outing und lebe bis heute völlig offen in einer Gesellschaft in der es nur Männer und Frauen geben darf und bin glücklich nach all den Jahren endlich der Mensch sein zu können der ich eben bin. Nicht Mann, Nicht Frau. Einfach ICH!